Ihr langes Haar war aufgelöst

Zwei Überlegungen zu einer Werkgruppe von Sabine Emmerich

 

Die acht Figuren sind Bild und Zelt zugleich. Sie verbinden auf eine einprägsame Weise Distanz und Nähe. Man kann sie betrachten und darin riesige verhüllte Menschen erkennen oder man kann sie betreten und dann eine Tonspur hören. Gehört werden alltägliche Szenen aus dem Leben einer Frau. Sobald die Geräusche erkannt werden, entsteht Nähe und was aus der Ferne völlig fremd erschien, erweist sich als vertraut.

 

I

 

Die Grundidee hinter der Ganzkörperverschleierung ist, dass Frauen vor Blicken geschützt werden sollen und das mit der Verschleierung entstehende Bild ist so stark, dass es Aufmerksamkeit auf sich zieht. Darüber kann man kulturhistorisch sinnieren, aber es zeigt auf einer einfachen Ebene eine der Grundlagen der europäischen Kunst: Wir sehen etwas und wir wissen, dass sich dahinter etwas verbirgt, was wir nicht sehen dürfen, worüber wir dann aber nachdenken. Das kennen wir vom Vorhang des Allerheiligsten des Tempels in Jerusalem oder in der banalen Form als Feigenblatt. Und schon sind wir mitten in einer Debatte, in der es um Bildung und um Kommunikation geht. Was denken wir, wenn wir etwas Verdecktes sehen? Wenn wir diese Form der Ganzkörperverschleierung sehen? Die meisten Betrachter sehen eine Religion, manche eine regionale kulturelle Praxis und nur wenige eine Frau oder noch weniger eine ganz bestimmte Frau. Darauf macht Sabine Emmerich subtil aufmerksam, indem sie die Bildformel um zwei Elemente ergänzt: Erstens Mode, die Tatsache, dass individuelle Kleidung Bedeutungsträger sein kann und zweitens Form. Nur wer sieht, dass die Gewänder verschieden gearbeitet worden sind, folgert, dass sich dahinter unterschiedliche Frauen verbergen. Die großen Formen suggerieren unterschiedliche Haltungen und so werden Betrachter mit dem Instrumentarium der Bildhauerei dazu gebracht, die erste Einschätzung einer anonymen Masse aufzugeben. Die Figuren zwingen zu einer differenzierten Wahrnehmung. Der einfach nachvollziehbare Aufbau aus Papier um ein Metallgerüst, der spätestens dann sichtbar wird, wenn man die Figur betritt, macht nachvollziehbar, wie die einzelnen Formen gefaltet wurden. Der darin subtil enthaltene Hinweis auf Handwerk bringt eine weitere Ebene von Individualität in die Arbeit. Wichtiger ist aber, dass Emmerich durch die acht eine jeweils prägnante Form für eine, ungeachtet der scheinbaren Uniformität, durchscheinenden Individualität schafft.

 

II

Die Werkgruppe thematisiert Neugier. Die Künstlerin hat sich mithilfe ihrer Kunst einer ihr fremden Welt genähert. Dieser Ansatz ist heute eher selten geworden und das hat mit der eigentümlichen Verstrickung von zu simpel gedachter Identität und Kunst zu tun, die wir in den letzten Jahren beobachten konnten. Dass man über das Fremde nachdenkt und das aus den eigenen Denkkategorien heraus macht, wird oft polemisch missverstanden. Dagegen muss festgehalten werden, dass Kunst zu allererst ein Instrument zur Erweiterung der Identität ist. Es geht nicht um die biedere Einschränkung, »wer ich bin«, sondern darum, über die Wahrnehmung der Welt das Selbst zu erweitern. Es gibt drei Identitätsmodelle: Das fundamentalistische politische Modell besagt eine Person habe eine Identität, am liebsten sofort erkennbar. Das multikulturelle behauptet, dass jeder Mensch mehrere davon besitze und ein drittes, das der Zukunft gehört, verspricht, dass man sie erlangen kann, aber dazu zuallererst simple Identitäten und Zuschreibungen ablegen müsse. Das erste Modell ist statisch, das zweite dynamisch und das dritte aktiv. Man kann sich aus dem vollen Bewusstsein seiner Position heraus in jemanden Fremdes hineindenken. Das man dabei um die eigenen Unzulänglichkeiten weiß und sie reflektiert, ist selbstverständlich (nebenbei genau was Kritik bedeutet) und Kunst ist ein Mittel dazu.

Die Künstlerin verweist für den Titel der Arbeit auf Doris Lessings Bericht aus Afghanistan und damit kommen weitere Bedeutungsebenen hinzu. Die sind vielleicht nicht intentional gedacht, aber sie entfalten sich in der Wahrnehmung und Auseinandersetzung. Über Lessing wird die Vollkörperverschleierung mit der Antike verbunden. Die Autorin, das »Urbild der westlich-emanzipierten Frau« wie es hieß, als sie 2007 den Nobelpreis erhielt, beschreibt in dem Buch unter anderem das Schicksal von Frauen in Afghanistan in den späten 1980er-Jahren und zieht zur Überraschung westlicher Leser die Verschleierung als eine legitime Möglichkeit des Rückzugs in Erwägung. Sie probiert es als Kulturtechnik in London selbst aus und beschreibt dann, wie auf einmal Kommunikation und Aufmerksamkeitserheischung unmöglich werden. Darin wird ein Muster von grundsätzlicher Sympathie sichtbar und der Versuch, sich in andere Rollen einzuleben, und es wird Scheitern und Zweifel deutlich. »Ihr langes Haar war aufgelöst« entstammt dem ersten Kapitel von Lessings Buch, in dem das Schicksal von Afghanistan mit der Geschichte der Seherin Kassandra verbunden wird. Es geht darin um den tragischen Zustand des Menschen. Sie weiß von der Katastrophe, aber niemand hört auf sie, und sie weiß auch das. Im Mythos um Troja ist Kassandra eine leidende und analysierende Frau, die als einzige weiß, was sich im Trojanischen Pferd versteckt und mit Gewalt davon abgehalten wird, zu handeln. Eine Metapher für das Leid der Wissenden. Und die wirklich Wissenden können im Fall der Ganzkörperverschleierung wohl nur die betroffenen Frauen sein. So macht Emmerich mit Hilfe ihrer Formen und eines indirekten Verweises auf die Antike eine paradoxe Situation im Umgang mit Fremden sichtbar.    

 

»Ihr langes Haar war aufgelöst« wurde 2019 als Intervention in der Ausstellung »Bildhauerinnen« im Gerhard-Marcks-Haus gezeigt. Die kunsthistorische Ausstellung thematisierte Klischees und Vorurteile, mit denen Künstlerinnen bis in die 1970er-Jahre hinein konfrontiert wurden. Sabine Emmerich zeigte, wie man heute mit Klischees und Vorurteilen umgehen kann, indem man formale und inhaltliche Register der europäischen Tradition zieht und Nähe schafft.    

 

Dr. Arie Hartog



 

Sabine Emmerich (* 1964 in Marburg/Lahn) ist eine deutsche Bildhauerin.

 

Leben: Sabine Emmerich studierte Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg bei Prof. Franz Erhard Walther. Auch die Impulse der Professorin für Bildhauerei Elisabeth Wagner prägten ihre künstlerische Entwicklung. Seit 2001 hat Emmerich einen Lehrauftrag an der Hochschule für Künste Bremen und seit 2011 an der Universität Bremen inne.

Im Atelierhaus Bahnhof Sagehorn erarbeitet sie ihre Skulpturen und Installationen.

 

Werk: Im Zentrum von Emmerichs Schaffens steht die Auseinandersetzung mit Erscheinungsform, Verhaltensweisen und Lebensbedingungen von Tier und Mensch. Insbesondere in deren Wechselverhältnis erschließt und offenbart die Künstlerin kritische Zonen des Ökosystems, der Gesellschaft und des Individuums. So umkreisen ihre skulpturalen und installativen Arbeiten beispielsweise die Ästhetik und Existenz von Insekten als Spezies aber auch in deren individueller Erscheinung. Ihre Bildsprache basiert auf intensiver und kundiger Naturanschauung. Aus neu geformter figürlicher Erscheinung entwickelt sie mehrschichtige Bildnisse von menschlicher Existenz, die um basale Kategorien wie Geburt, Tod, Schicksal, Schmerz, Liebe oder Schönheit kreisen.

 

Noch zur Studienzeit entsteht Emmerichs erste große Tierplastik, ein lebensgroßer Elefant (1999). In dieser Arbeit findet sie bereits zu ihren bevorzugten Materialien Drahtgeflecht und Papier. Die monumentale Erscheinung verschafft der Plastik eine erhabene Eindringlichkeit. Die Hülle aus Seidenpapier lässt das massige Wesen zugleich fragil und gefährdet erscheinen und betont dessen dünnhäutige Empfindsamkeit. Gleichzeitig wird die Konstruktivität mit ausgestellt, die das Werk nicht als Nachbildung, sondern als konzeptuell basierte künstlerische Setzung auftreten lässt. Hier entfaltet sich bereits die Vielschichtigkeit von Emmerichs Arbeiten, eine reibungsvolle Korrespondenz zwischen Materialität, Technik, Idee, Inhalt und Präsenz.

 

Eine zentrale Strategie der Bildhauerin liegt in der Größenverschiebung und in der Ausstattung von Tieren mit menschennahen Zügen. Bei der raumfüllenden Plastik eines Mistkäfers (2002) exponiert sie nicht nur die glänzende Schönheit des schillernden Panzers, sondern animiert das Insekt, indem sie die Figur mit Geräuschen menschlichen Atems ausstattet. Auf irritierende Weise fordert hier der motorische Kern und Elan des tierischen Wesens die Wahrnehmung ein. In einer anderen Variante des Themas lässt die Künstlerin minimalisierte menschliche Körper den Platz des Käfers in der

Ballenproduktion einnehmen. Der Mythos des „heiligen Pillendrehers“ als Weltenlenker wird mit menschlicher Mühsal des täglichen Daseinsvollzugs kurzgeschaltet. Mit einer Figurengruppe von 80 Kaiserpinguinen (2005) verweist Emmerich auf die besondere Brutpflege der Tiere, die im Kollektiv und in einem rotierenden Verfahren erfolgt. Wie in allen Werken der Künstlerin entfaltet hier die skulpturale Präsenz eine berührende bildhafte Kraft und führt sinnlich zum besonderen thematischen Kern. In ihrer Installation „Florfliegen und andere Damen“ (2014) inszeniert Emmerich die Grazie der divenhaft wirkenden Insekten in Übergröße und lässt sie märchenhaften oder mythischen Frauenfiguren gleich auftreten.

 

Eine Besonderheit in der Beschäftigung mit Körperlichkeit und Körpersprache stellt die Auseinandersetzung Emmerichs mit der Gestik dar. Monumentalisiert und damit auf verfremdende Weise kenntlich gemacht füllen „Plastische Gesten“ (2000) den Raum. Den Impuls gab die Kunst der Renaissance, in der Hände als zentraler Ausdrucksträger fungierten, in der forcierte und stilisierte Gesten in der Überhöhung von Affekten basierten.  Emmerichs „Puttenhände“ (2003) greifen die Überzeichnung praller Vitalität, die erdige Sinnlichkeit von Engelsprojektionen auf. In der Arbeit „Die Seele baumeln lassen“ (2012) markiert eine durchsichtige Drahtplastik wie eine Raumzeichnung eine schutzlos offene, leichtgewichtige Geste von Selbstversenkung. Neue Gesten hat Emmerich einer Gruppe von Frauenbüsten (2017) eingearbeitet: Die Passivität der Frauen in den  Renaissancebildnissen formt sie in eine feministisch informierte Denk- und Debattierrunde mit aktivem und forschem Habitus um. Mensch und Wolf (2017) lässt sie in einem aggressiven Dialog des Mienenspiels auftreten, wobei die tierische Frontalität wesenhaft und die des Menschen ebenso machtbesessen wie hilflos überzogen erscheint.

 

Eine faszinierende Balance aus Präsenz und Transparenz, aus Oberflächenspannung und Tiefe, eine subtile Modellierung aus Licht und Schatten schafft Emmerich mit ihrem „Waldstück“ (2010). Stämme aus Draht und Papier formulieren eine dichte Reihe, die aus dem Raum zu wachsen scheint, und heben den Betrachter in eine magische Atmosphäre eines urelementaren Erlebnis- und Vorstellungsortes. Soghafte Eindringlichkeit und Undurchdringlichkeit verweben sich in diesem Arrangement, in dem die Bäume zugleich Akteure und Kulisse sind, plastische Körper als tiefgestaffelte Flächen für Projektion und Imagination.

 

 

Neben ihrer bildhauerischen Tätigkeit ist Emmerich auch fotografisch tätig. In Bildnissen von Hühnern, Milchkühen und Kaninchen aus dem bäuerlichen Hofleben, die in ihrem Zitat klassischer Porträtsformate im Seitenprofil zugleich heiter wirken wie auch nachdenklich stimmen, schafft sie den zu bloßen Nutzgütern degradierten Wesen einen individuellen und würdevollen Auftritt. 

                                                                                                                                               Rainer Beßling 2019

 

 

 

 

 

 

 

 

Florfliegen und andere Damen – Zu den neuen Arbeiten Sabine Emmerichs

von Detlef Stein 2014

 

In Sabine Emmerichs Werk treten seit den späten 1990er Jahren immer wieder Tiere auf: eine Kolonie brütender Kaiserpinguine in Lebensgröße, ein trottender afrikanischer Elefant – ebenfalls in Lebensgröße! – oder ein überdimensionierter Mistkäfer, der Atemgeräusche von sich gibt. Die Anatomie jener Tiere und – wie bei den Pinguinen - ihr Verhalten in der Gruppe sind Themen, denen die Künstlerin mit ihren Plastiken auf eindrucksvolle Art und Weise räumliche Präsenz verleiht.

 

In ihrer jüngsten Werkgruppe setzt sich Sabine Emmerich mit einer Insektensorte auseinander, die im Alltag kaum unsere Aufmerksamkeit zu erregen vermag, - und wenn doch -, dann eher als lästiger Störenfried. Die Rede ist von der Florfliege.

Auf einem Speiserest sitzend hat eine solche Fliege die Aufmerksamkeit der Künstlerin erregt. Auf der Fensterbank ihres Ateliers fanden sich bald weitere, teils tote Artgenossinnen, die von der Künstlerin weitergehend inspiziert wurden und für einiges  Erstaunen sorgten: durch ein Mikroskop betrachtet präsentierten sich die Florfliegen unerwartet farbenreich und schimmernd, in ihrer Erscheinung geradezu elfenhaft. Bei Sabine Emmerich stellten sich Assoziationen an die gezierten Gestalten von Prinzessinnen ein; auch an vereinzelte Frauendarstellungen aus der Kunstgeschichte fühlte sie sich erinnert. Dieser Faszination verdankt sich die hier vorgestellte Werkgruppe „Florfliegen und andere Damen“.

 

Wie auch schon bei ihren vorherigen Tierplastiken hat Sabine Emmerich für die Realisation der Plastiken Maschendraht als Werkstoff gewählt. Ausgerechnet dieses widerborstige Material ist es, das der Künstlerin ein getreuliches Nachbilden ihrer „Modelle“ ermöglicht. An den Rändern scharfkantig und stechend, letztlich jedoch weich und biegsam hält es die ihm verliehene Gestalt und ermöglicht der Künstlerin Körperformen zu biegen, die später mit Papieren - wie mit einer künstlichen Haut - überzogen werden.

Schließlich werden den geformten Insekten schimmernde Flügel aus Kunststofffolie   hinzugefügt. Auch jetzt noch, lange nach der Fertigstellung der Werkgruppe, sind in Emmerichs Atelier die Materialproben an den Wänden aufgereiht, die ihre Suche nach einem für diesen Zweck geeigneten Werkstoff dokumentieren.

 

Im Ausstellungsraum werden die Plastiken thematisch durch Zeichnungen und Fotografien ergänzt; zudem inszeniert Sabine Emmerich den Ausstellungsraum, setzt gezielte Lichtspots ein, um durch die hervorgebrachten Schatteneffekte eine märchenhafte oder traumartige Atmosphäre zu erzeugen. Gesteigert wird diese noch durch eine leise Sprechstimme, die aus Lautsprechern ertönt. Gesprochene Worte und Satzfetzen wie „als Ziel die Erlösungssehnsucht“, „der Himmel, die Erde“ oder „die Ahnfrau, die Göttin“ hat die Künstlerin einem Buch über Traumdeutung entnommen und erzeugt durch sie auch thematisch einen assoziativen Raum. In ihm sind die Florfliegen mehr als nur eine Insektenart; sie werden zu Bedeutungsträgerinnen, zu märchenhaften Wesen, sie verkörpern eine zerbrechliche Existenz. Auf eine Kugel montiert erinnert eine der Florfliegen an die Darstellungen der Fortuna, wie sie u.a. im Werk Albrecht Dürers vorkommt, und damit an das Glück und auch die Wandelbarkeit des Glücks. Fotografien von den toten Fliegen, die „Sterbenden Prinzessinnen“, stehen im Kontext des Memento mori und verweisen auf die Vergänglichkeit des Lebens.

 

Mit ihrer Werkgruppe hat Sabine Emmerich eine eigenständige Welt geschaffen, in der sie über Anmut und Verfall, über Entstehung und Wandel und auch über die Aufmerksamkeit gegenüber der Natur reflektiert. Zwischen sachlicher Beobachtung und traumhafter Entrückung eröffnet sich ein Raum, in den auch wir Betrachter eintreten dürfen.

 

Detlef Stein

 

 

 

 

Zu den Arbeiten Sabine Emmerichs

von Rainer Bessling 2012

 

 

Die Männer sind geschäftig. In der Schwebe zwischen Rolle vorwärts und Rolle rückwärts kleben sie mit den Füßen an einer Kugel. Drehen sie ein großes Rad oder werden sie gerädert? Sabine Emmerich schließt mit ihren „Heiligen Pillendreher“ an eine frühere Arbeit und an einen historischen Mythos an. Die alten Ägypter huldigten dem Scarabaeus Sacer, dem ehrwürdigen Käfer, in dessen Gestaltungsertrag, runden Mistballen nämlich, sie ein Symbol der Erde sahen. Nicht nur als Schöpfer der Weltkugel betrachtete man am Nil das fleißige Insekt, sondern auch als deren fortwährenden Antreiber.

 

 

Der Bildhauerin Sabine Emmerich gefielen einerseits die Legende zur Welterklärung und die Beförderung eines Käfers zum Weltenlenker, andererseits konnte sie sich immer schon auch für dessen Form und Farben begeistern, für den gewölbten Panzer, die kräftigen gezahnten Beine, die satten Schwarz-Blau-Töne mit ihrem violetten Schimmer. Die Begeisterung ist umso verständlicher angesichts der Tatsache, dass die schönen Tiere aus Mist einen ganzen Kosmos formen. Ihre männlichen Wiedergänger, die als Ensemble auftauchen, drehen in unterschiedlichen Proportionen Haufen zu Ballen. Mal mag die Sisyphos-Arbeit gelingen, mal wirken die vermeintlichen Gestalter überfordert. Komisch wirkt die Geschäftigkeit allemal.

 

 

Anders bei den Kaiserpinguinmännchen. Die bilden in Sabine Emmerichs Kolonie-Nachbildung in Lebensgröße einen dichten Kreis, um bei antarktischen Temperaturen ihrer Brutpflicht nachzukommen. Auf ihren Füßen, geschützt von einer Hautfalte, lagert das Ei. Durch Rotation sorgt der Männerkreis, dass die Wärme gleichmäßig und gerecht auf die Nachkommenschaft verteilt wird. Pränataler Bezug zum Kind, Teamwork und Solidarität bei der Arterhaltung, was kann man vom Herrn der Schöpfung mehr erwarten. Im übrigen kehrt nach Weibchen gut zwei Monate nach der Eiablage wieder vom Meerausflug zurück.  und löst das Männchen ab. Belohnung gibt‘s für den Einsatz also auch.

 

 

Sabine Emmerich greift in einzelnen Skulpturen und in Figurengruppen Gestalt, Haltung, Verhalten und Lebensumstände von Tieren auf und rückt ihre Protagonisten in häufig lebensgroßer Nachbildung nahe an den Betrachter heran. Ihre Arrangements sich variabel, treten aber in der Regel raumfüllend auf und zeigen sich in einer eindringlichen, unmittelbar berührenden Plastizität. Für den Nachbau einen afrikanischen Elefanten stellte die Künstlerin umfassende anatomische Studien an, um Körperbau und Bewegungsapparat genau zu erfassen. Die Naturnähe bricht sie durch das Material. Das Seidenpapier auf Maschendraht stellt nicht nur offensiv den Charakter des Artefakts aus, sondern spielt auch mit der dünnen Haut, der angesichts der Größe des Tieres häufig verkannten Sensibilität des „Dickhäuters“. Natur und Künstlichkeit, Wesen und Wahrnehmung korrespondieren so vielschichtig miteinander.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In Sabine Emmerichs jüngster Arbeit „Die Seele baumeln lassen“ treten erneut menschliche Gliedmaßen in Übergröße auf. Diesmal scheinen sie allerdings nicht der Kunst entnommen und einer Künstlichkeit nachempfunden zu sein, sondern im Gestus  eines zeichenhaften, allegorischen Realismus gestaltet zu sein. Zwei übergroße Füße samt Unterschenkel eines Mädchens oder einer Frau sind an der Wand angebracht, „schweben“ also frei zwischen Boden und Decke. Eine große Zehe ist über die andere gelegt, eine Geste der Schüchternheit, der inneren Einkehr, der Selbstversenkung. Der Maschendraht ist diesmal nicht bespannt. Die durchsichtige Plastik wirkt wie eine fragile Raumzeichnung, der Körper hat seine Bodenhaftung, der Mensch seine Erdung verloren. Ganz Gefühl und Gedanke, wirkt er zugleich schutzlos offen und leicht. In der Transparenz  offenbart sich das Potenzial, über die körperliche Hülle hinauszuwachsen,