Gedanken zum Kot

 

von Philipp Unterweger

 

Dung, Kot, Stuhl, Faeces, AA, Kacke. Die Begriffe sind so vielfältig, wie die Zahl der unterschiedlichen Dungtypen. Doch spätestens das Wort mit SCH lehrt uns; man nimmt nicht in den Mund, was man nicht anfasst. Verschwiegen und tabuisiert verschwindet unser Stuhl im Tiefspüler und schüchtern werden wir, beschämt sogar, wenn wir vor einem Häufchen stehen. Der Misthaufen, einst der Stolz des Hofs wurde zur verdeckelten Flüssigmistgrube, der Vogeldreck und der Fliegenschiss werden penibel weggerubbelt. Lediglich das Wattwurmhäufchen zerdrücken wir kichernd mit dem großen Zeh.

Dung ist ein allgegenwärtiges Thema, denn wir alle produzieren ihn. Menschen hinter verschlossenen Türen, Hühner ganz beiläufig – sogar ins Futter. Reiher im majestätischen Flug im hohen Boden und Pferde lassen sogar mit Königen auf ihrem Rücken die Äpfel auf die Prachtstraßen der Welt fallen. Der malerischste Akt der Erleichterung stammt von der Kuh, flüssig pflatschend bildet er Fladen mit Ringmuster.

Lange ist es her, dass Dung heilig war. Die Ägypter verehrten ihn und die Mistkäfer. In Indien dient er für rituelle Feuer. Für Bauern war er braunes Gold und für Viehlose waren die Pferdehäufen auf den Straßen ein Geschenk für die Gemüsebeete. Kunstdünger, Massentierhaltung und die „Energiewende weg vom Pferd“ machten aus Mist einen Problemstoff. Er wurde zur Konkurrenz, denn zu billig und gut düngte er. Er wurde zuviel und verschmutzte die Gewässer. Er wurde geächtet, und man tauschte in den Städten Pferdeäpfel gegen Stickoxide.

 

Dung = Nahrung – benötigte Nährstoffe – Wasser + Abfallprodukte

 

Im Fall der meisten Säugetiere ist Kot daher braun. Die Abbauprodukte des Hämoglobins bringen diese Farbe hervor. Bunter Kot ist vor allem von Insektenlarven bekannt. Weißer Kot von Hyänen. Die Hundekacke in den Städten variiert, wie wir alle Wissen, von gräulich, über rotbraun, gelbbraun bis zu schwarz.

Die Konsistenz variiert ebenso. Von hart bis flüssig. Elchköttel erreichen Form und Festigkeit einer Schokopraline. Kuhfladen sind flüssig – ohne dabei Durchfall zu sein. Der Wassergehalt im Stuhl ist unterschiedlich und an die Lebensbedingungen der Tiere angepasst. Kühe haben bis zu 75% Wasser im Stuhl, Pferde immerhin 72% und so zeigt sich, dass vor allem die Qualität der anderen Inhaltsstoffe über die Viskosität entscheidet.

Dung ist ein regelmäßiges Zufallsprodukt. Die Regelmäßigkeit gibt der Verdauungstrakt vor. Den Zufall bestimmt die Wanderfreudigkeit und die Verhaltenseigenschaften der Tiere. Marderhunde und einige Kleinantilopen nutzen feste Kotplätze, die regelmäßig besucht werden. Kühe, und bei denen bleiben wir vermehrt, wirken auf uns sehr ungeplant bei der Abgabe von Fladen.

Beide Strategien haben Vorteile. Kotplätze markieren Reviere und Grenzen – wer kennt nicht das Fuchswürstchen auf dem Grenzstein im Wald? Kuhfladen erlauben weite Wanderungen ohne Fraßunterbrechung. Dung enthält aufgeschlossene Nährstoffe und Samen. Die zufällige Verteilung von Samen und Nährstoffen in der weiten Landschaft trägt zur Ausbreitung von Pflanzen bei. Es wäre aber zu einseitig, die Kuh als reinen Saatgutverteiler zu begreifen. Der Dung fällt und es entfalten sich verschiedene Abläufe.

Der Fladen beginnt eine Sukzession und die Stelle rund um den Fladen wird die nächste Zeit nicht mehr beweidet und Pflanzen können ungestört wachsen und keimen. Eine Weide ist übersät von hellgrünen, frischwüchsigen Stellen. Jenen Plätzen an denen vor einiger Zeit ein Fladen fiel. Es scheint in den Genen fast aller Tiere zu liegen, dass sie nicht in der Nähe von Kot fressen. Eigener Kot wird genauso gemieden, wie der Kot anderer Arten. Ekel als Schutz vor Krankheitserregern und der damit einhergehenden Wiederansteckung. Urinflecken werden demgegenüber kaum gemieden – Urin enthält keine Parasiten und weit weniger Krankheitserreger.

Was mit dem Dung der Tiere passiert, wenn er auf dem Boden liegt bleibt den meisten Menschen ein Geheimnis. Nur Biologen und wirklich interessierte „Freaks“ setzen sich neben einen Fladen und beobachten das Geschehen. Was sie dann sehen ist unglaublich. Ein wahrer Wettlauf beginnt mit der Ausscheidung und es zeigt sich, dass sich im Lauf der Evolution eine wahre Parallelwelt rund um den Kot entwickelt hat.

Dem Kot eines Gras-/Kräuterfressers, eines Herbivoren, fehlt meist nur 10-30% der ehemals enthaltenen Nährstoffe. Die Verdauung von Grünfutter ist Hochkomplex und wird von Bakterien unterstützt. Der ausgeschiedene Dung ist dann oft nur eine Masse aus Halmen, Stängeln und anderen Hackschnitzeln. Pferde- und Elefantenmist sind da die bekanntesten Beispiele. Ein Kuhfladen ist gar nicht groß unterschiedlich, lediglich die Länge der Fasern verändert die Form. Die Tatsache, dass der Kot von Grasfressern nur sehr ineffizient verwertetes Ausgangsmaterial enthält macht ihn besonders attraktiv. Samen passieren ihn weitgehend ungestört, so dass viele Vögel die Häufchen besuchen und nach Samen suchen. Sperlinge, Goldammern, Buchfinken und Bluthänflinge durchsuchen Pflanzenfresserkot nach Sämereien. Es ist naheliegend, dass artenreiche Weiden eine hohe Samenvielfalt enthalten und nur so die Vielfalt der Vögel gefördert werden kann. Reine Grasweiden führen daher zum Artenschwund der Vögel.

Dass auch andere Nährstoffe im Kot in hoher und teilweise ausgeschlüsselter Form vorhanden sind hat im Laufe der Evolution zu einer Reihe von Anpassungen geführt. Mikroorganismen und Pilze zersetzen den Kot. Aber auch eine Reihe von Wirbellosen insbesondere Insekten haben sich auf die Kotverwertung spezialisiert. Diese Insekten bezeichnet man als Kotfresser. oder Scatophagen.

Allein bei den Käfern werden weltweit etwa 9.000-10.000 Dungkäferarten unterschieden. Fast jedes große Tier hat unterschiedliche Arten, die sich um den Kot kümmern. Es ist daher leicht zu verstehen, dass mit jedem ausgestorbenen Großtier auch eine Reihe an hochspezialisierten Insekten ausstirbt. Weitgehend unbekannt ist die Kotfauna z.B. von Mammut, Säbelzahntiger und Wollnashorn.

Mit Sicherheit ist Elefantendung der Modellorganismus für diese Forschungen – dennoch darf auch der Kuhfladen nicht unterschätzt werden. In unserem Ökosystem ist der Kuhfladen der häufigste größere Dung.

Die Besiedlung eines Fladens erfolgt sofort nach der Ausscheidung. Viele Insekten patrouillieren in den Lüften auf gesunden Weiden und warten darauf, dass wieder ein Fladen abgegeben wird. Durch Geruch und zum Teil auch durch die Optik wird der Fladen geortet. Sobald der Fladen gefunden ist beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. In der Regel dauert es nur wenige Sekunden, bis die erste Fliege oder der erste Dungkäfer auf dem Häufchen landet. Wer keinen Zugang zu Weiden hat, kann das auch mit einem Eigenstuhlexperiment im Wald ausprobieren, es eine der vielen verschwiegenen Tätigkeiten auf den Exkursionen von Biologen während des Studiums. Besonders in Regionen mit Pillendrehern, also jenen Dungkäfern, die Kotkugeln rollen ist das ein großes Erlebnis, das man nie mehr vergisst.

Die Artenzahlen auf Kothäufen variieren von Standort zu Standort. Aber man kann in guten Regionen davon ausgehen, dass ein gutes Dutzend verschiedener Käferarten und etwa ein-zwei Duzend Fliegenarten innerhalb der ersten Stunden auf einem Kuhfladen eintreffen.

Es sind meist keine großen Tiere. Die Auffälligen werden etwa 6-8mm lang. Die Auffälligsten jedoch bis zu 3cm.

Der Dung dient für die erwachsenen Insekten nicht in erster Linie als Nahrung. Meist werden Pollen für das Eiweiß und zuckeriger Nektar als Treibstoff benötigt. Dennoch ist der Dung von zentraler Ernährungsfunktion. Die durch die Schleimhäute abgegebenen Salze und Spurenelemente – aber auch die angedauten Pflanzenteile bieten den Insekten eine Futterquelle. Darüber hinaus werden im Dung die Eier abgelegt und die Larven ernähren sich von diesem Brei aus Pflanzenteilen. Entweder direkt im Fladen, was ihm die charakteristischen Löcher verschafft – oder dadurch, dass Teile des Kots abtransportiert und vergraben werden. Hierfür ist der Pillendreher, der seine Eier in Kotkugeln legt und diese vergräbt, weltbekannt.

Zentral fallen beim Beobachten von Kuhfladen die rötlich-gelben Dungfliegen auf. Sie sind mit die ersten, häufigsten und charakteristischsten Tiere auf dem Kuhfladen. Schnell wird beim Beobachten der vielen unterschiedlichen Arten klar, dass es nicht nur um den Dung geht. Die Ernährung der unterschiedlichen Insektenarten variiert extrem. Aber auch innerhalb einer Art gibt es große Unterschiede zwischen den Larven und den erwachsenen Tieren. Es bedeutet also nicht, dass alle Dungbesucher auch Dung fressen. Räuberische Arten machen auf dem Kuhfladen Jagd auf andere Insekten. Emus hirtus erkennt selbst der Laie schnell als den „Löwen vom Fladen“. Größere Insekten fressen kleinere. Andere graben nach Larven. Manche Larven fressen Dung, andere Larven fressen wiederum Larven. So klein ein Kuhfladen von oben aussieht, so komplex wird er bei näherer Betrachtung. Balzende Schmuckfliegen werben um einander, während emsige Kurzflügelkäfer Loch für Loch nach beute absuchen. Ein wahrer Volksfestplatz ist so ein Fladen. Fressen, tanzen, Nachwuchs anbahnen.

Die Biomasse ist enorm. Das Gewicht des Fladens und das Gewicht der daraus resultierenden Insekten ergibt in Summe riesige Mengen an Insekten in allen Größen. Verständlich, dass man in guten Weideregionen fast alle insektenfressenden Vögel findet. Raubwürger, Neuntöter, Blauracken, Wiedehopfe, Rauch- Mehl-, Felsen und Uferschwalben, Kiebitze, Rotschenkel, Braun- und Schwarzkehlchen. In vielen Sprachen heißen diese Tiere „Weidevögel“, im Deutschen sprechen wir von Wiesenbrütern und fragen uns, warum sie auf Wiesen aussterben. Eine extensive und unbefahrende Weidelandschaft ist voller Leben. Der vielfältige Dung ist die Quelle des Lebens und ihn gibt es nur auf extensiven Weiden. Er liefert das Vogelfutter und sorgt für die Ausbreitung von Samen.

Das Insektensterben und der Rückgang der Vogelarten hängt damit zusammen, dass es kaum noch gute Weiden gibt.

Zusätzlich ist Mist stigmatisiert. Es gibt keine Misthaufen mehr in den Dörfern und keine Ställe mit Mist und Stroh. Flüssigmist ist für Insekten untauglich – ihn massieren wir mit langen Gummischläuchen in die Intensivwiesen und damit direkt ins Grundwasser und die angrenzenden Bäche.

Entwurmungsmittel und Antibiotika töten alles Leben ab. Denn der physiologische Unterschied zwischen „Wurm“ und „Fliegen-Made“ ist gering. Tote Fladen bevölkern die Intensivweiden. Landwirte mit Schubkarren sammeln ein und fahren ab, was Insekten tötet. Der Betonkuhfladen ohne Käfer und Fliegen liegt fest auf der Weide und nichteimal ein Wanderstiefel perforiert ihn. Pilze machen sich über ihn – und die Hundewürstchen – her und vergiften so das Tierfutter und die Beziehung zwischen Landwirt und Hundehalter.

Die Insekten sterben. Sie zu retten wäre einfach: mit extensiven Weidelandschaften und lebenden Fladen.