Sabine Emmerich (* 1964 in Marburg/Lahn) ist eine deutsche Bildhauerin.

 

Leben: Sabine Emmerich studierte Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg bei Prof. Franz Erhard Walther. Auch die Impulse der Professorin für Bildhauerei Elisabeth Wagner prägten ihre künstlerische Entwicklung. Seit 2001 hat Emmerich einen Lehrauftrag an der Hochschule für Künste Bremen und seit 2011 an der Universität Bremen inne.

Im Atelierhaus Bahnhof Sagehorn erarbeitet sie ihre Skulpturen und Installationen.

 

Werk: Im Zentrum von Emmerichs Schaffens steht die Auseinandersetzung mit Erscheinungsform, Verhaltensweisen und Lebensbedingungen von Tier und Mensch. Insbesondere in deren Wechselverhältnis erschließt und offenbart die Künstlerin kritische Zonen des Ökosystems, der Gesellschaft und des Individuums. So umkreisen ihre skulpturalen und installativen Arbeiten beispielsweise die Ästhetik und Existenz von Insekten als Spezies aber auch in deren individueller Erscheinung. Ihre Bildsprache basiert auf intensiver und kundiger Naturanschauung. Aus neu geformter figürlicher Erscheinung entwickelt sie mehrschichtige Bildnisse von menschlicher Existenz, die um basale Kategorien wie Geburt, Tod, Schicksal, Schmerz, Liebe oder Schönheit kreisen.

 

Noch zur Studienzeit entsteht Emmerichs erste große Tierplastik, ein lebensgroßer Elefant (1999). In dieser Arbeit findet sie bereits zu ihren bevorzugten Materialien Drahtgeflecht und Papier. Die monumentale Erscheinung verschafft der Plastik eine erhabene Eindringlichkeit. Die Hülle aus Seidenpapier lässt das massige Wesen zugleich fragil und gefährdet erscheinen und betont dessen dünnhäutige Empfindsamkeit. Gleichzeitig wird die Konstruktivität mit ausgestellt, die das Werk nicht als Nachbildung, sondern als konzeptuell basierte künstlerische Setzung auftreten lässt. Hier entfaltet sich bereits die Vielschichtigkeit von Emmerichs Arbeiten, eine reibungsvolle Korrespondenz zwischen Materialität, Technik, Idee, Inhalt und Präsenz.

 

Eine zentrale Strategie der Bildhauerin liegt in der Größenverschiebung und in der Ausstattung von Tieren mit menschennahen Zügen. Bei der raumfüllenden Plastik eines Mistkäfers (2002) exponiert sie nicht nur die glänzende Schönheit des schillernden Panzers, sondern animiert das Insekt, indem sie die Figur mit Geräuschen menschlichen Atems ausstattet. Auf irritierende Weise fordert hier der motorische Kern und Elan des tierischen Wesens die Wahrnehmung ein. In einer anderen Variante des Themas lässt die Künstlerin minimalisierte menschliche Körper den Platz des Käfers in der Ballenproduktion einnehmen. Der Mythos des „heiligen Pillendrehers“ als Weltenlenker wird mit menschlicher Mühsal des täglichen Daseinsvollzugs kurzgeschaltet. Mit einer Figurengruppe von 80 Kaiserpinguinen (2005) verweist Emmerich auf die besondere Brutpflege der Tiere, die im Kollektiv und in einem rotierenden Verfahren erfolgt. Wie in allen Werken der Künstlerin entfaltet hier die skulpturale Präsenz eine berührende bildhafte Kraft und führt sinnlich zum besonderen thematischen Kern. In ihrer Installation „Florfliegen und andere Damen“ (2014) inszeniert Emmerich die Grazie der divenhaft wirkenden Insekten in Übergröße und lässt sie märchenhaften oder mythischen Frauenfiguren gleich auftreten.

 

Eine Besonderheit in der Beschäftigung mit Körperlichkeit und Körpersprache stellt die Auseinandersetzung Emmerichs mit der Gestik dar. Monumentalisiert und damit auf verfremdende Weise kenntlich gemacht füllen „Plastische Gesten“ (2000) den Raum. Den Impuls gab die Kunst der Renaissance, in der Hände als zentraler Ausdrucksträger fungierten, in der forcierte und stilisierte Gesten in der Überhöhung von Affekten basierten.  Emmerichs „Puttenhände“ (2003) greifen die Überzeichnung praller Vitalität, die erdige Sinnlichkeit von Engelsprojektionen auf. In der Arbeit „Die Seele baumeln lassen“ (2012) markiert eine durchsichtige Drahtplastik wie eine Raumzeichnung eine schutzlos offene, leichtgewichtige Geste von Selbstversenkung. Neue Gesten hat Emmerich einer Gruppe von Frauenbüsten (2017) eingearbeitet: Die Passivität der Frauen in den  Renaissancebildnissen formt sie in eine feministisch informierte Denk- und Debattierrunde mit aktivem und forschem Habitus um. Mensch und Wolf (2017) lässt sie in einem aggressiven Dialog des Mienenspiels auftreten, wobei die tierische Frontalität wesenhaft und die des Menschen ebenso machtbesessen wie hilflos überzogen erscheint.

 

Eine faszinierende Balance aus Präsenz und Transparenz, aus Oberflächenspannung und Tiefe, eine subtile Modellierung aus Licht und Schatten schafft Emmerich mit ihrem „Waldstück“ (2010). Stämme aus Draht und Papier formulieren eine dichte Reihe, die aus dem Raum zu wachsen scheint, und heben den Betrachter in eine magische Atmosphäre eines urelementaren Erlebnis- und Vorstellungsortes. Soghafte Eindringlichkeit und Undurchdringlichkeit verweben sich in diesem Arrangement, in dem die Bäume zugleich Akteure und Kulisse sind, plastische Körper als tiefgestaffelte Flächen für Projektion und Imagination.

 

Neben ihrer bildhauerischen Tätigkeit ist Emmerich auch fotografisch tätig. In Bildnissen von Hühnern, Milchkühen und Kaninchen aus dem bäuerlichen Hofleben, die in ihrem Zitat klassischer Porträtsformate im Seitenprofil zugleich heiter wirken wie auch nachdenklich stimmen, schafft sie den zu bloßen Nutzgütern degradierten Wesen einen individuellen und würdevollen Auftritt.